Vorbei. Aber.

06.07.2006, 11:35 von jovelstefan

Das war schon nett. Nett, dass etwa sieben Achtel der deutschen Bevölkerung plötzlich zu Fussballfans geworden ist. Sogar mein Vater, der sich auch ein Fähnchen an seinen Focus geklemmt hat. Sogar mein Kollege Karl, der mal gar keine Ahnung hat (neuer Nickname: „Fussball-Nulpe“). Sogar Frauen, die sich sonst über die Fußballprolls aufregen. Sogar S., die nicht mal weiß, das England gar nicht erst zu einem Elfmeterschießen antreten muss (Naja, jetzt weiß sie’s). Sogar Pille, der bekiffte Ball. Sogar meine dicke Nachbarin. Sogar Claudio, der Italiener im Deutschlandtrikot, der im Hofbräuhaus die Nationalhymne anstimmt.

Aber jetzt ist es vorbei.

Vorbei mit wehenden Fahnen aus jedem Haus. Vorbei mit wehenden Fahnen an den Autos. Vorbei mit Public Viewing vor Großleinwänden. Vorbei mit nicht mehr nachdenken, was man nach der Arbeit macht. Vorbei mit einer guten Begründung, wieder zu trinken. Vorbei mit Jubel, vorbei mit Euphorie, vorbei mit Rausch, vorbei mit Patriotismus. Vorbei mit guten Wünschen des Dönermannes vor dem Deutschlandspiel. Vorbei mit aufs Klo müssen und bis zur Halbzeit zurückhalten. Vorbei mit ich krieg die Farbe nicht mehr aus dem Gesicht, egal. Vorbei mit wer holt das nächste, vorbei mit berlin berlin wir fahren nach berlin, vorbei mit ohne holland ohne england. Vorbei mit Gänsehaut, Angst, Hoffnung, Liebe, Hass, Wut, Begeisterung, Entsetzen, Schadenfreude, Herzstillstand, Verstandverlust.
Es war eine schöne Zeit. Es war eine gute Zeit.

Aber nicht zu vergessen:

Vorbei mit offiziellen Sponsoren. Vorbei mit nationalen Förderern und vorbei mit Fussballbutter, Fussballkaugummi und Fussballnackensteak. Vorbei mit Fans, die keine sind und keine Ahnung haben. Vorbei mit Kommentatoren, die besser eine abendliche Talkshow moderieren sollten. Vorbei mit VIPs. Vorbei mit Tippspielen, wo immer die gewinnen, die Saudi-Arabien als Weltmeister tippen. Vorbei mit Abseits erklären. Vorbei mit Fussball erklären. Vorbei mit Leuten auf der Tribüne, die ihr erstes Fussballspiel im Stadion bei der WM erleben durften. Vorbei mit Leuten auf der Tribüne, die nur eine Karte haben, weil sie einem Sponsor in den Arsch gekrochen sind, Politiker sind, Promi sind, B-Promi sind, den Marketingleiter von mastercard kennen, gute Beziehungen haben. Nochmal: Vorbei mit Fans, die keine sind und keine Ahnung haben.

Jetzt haben wir den Fussball wieder für uns. Wir, die jede Woche mit unserem Team leiden. Wir, die wirklich wissen, was Fussball ist. Wir, die jetzt nicht sagen können: „Naja, dann halt in 4 Jahren. Halbfinale ist doch super.“ Nee, Halbfinale ist nicht super. Die Axt wird noch lange im Rücken stecken. Da helfen keine Pillen. Aber das können die meisten nicht verstehen.
P.S.: Natürlich war es trotzdem eine geile WM. Vielleicht bin ich noch zu deprimiert. Und bitte lasst alle die Fahnen noch ein paar Wochen hängen. Bitte!



3 Kommentare

  1. Pingback von jovelblog » Google-Optimierung | 24.03.2007 00:13

    […] Suchbegriff “meine dicke nachbarin” gegoogelt hatte. Und wo ist er gelandet? Auf meinem WM-Fazit, in dem ich eben meine dicke Nachbarin als Fußballfan deklariert hatte. Bleibt die Frage, was […]

  2. Pingback von WM-Fazit – jovelblog | 17.04.2010 21:40

    […] Gast oder Gastgeber an der Party beteiligte. Was mich an der WM störte, hab ich ja schon mal kundgetan. Ach ja, ein bisschen weniger Kommerz wär schön beim nächsten Mal, aber das ist wohl […]

  3. Pingback von 2 Wochen später – jovelblog | 17.07.2010 11:44

    […] das ich vor vier Jahren schrob, auch diesmal wieder ziemlci gut, weswegen ein dezenter Link auf “Vorbei. Aber.” hier reichen […]