WM-Fazit

10.07.2006, 14:32 von jovelstefan

Die größte Party in Deutschland seit der Wiedervereinigung ist zu Ende. Allerorten werden nun Fazite gezogen, dem will ich natürlich nicht nachstehen. Ich fange mal an mit dem reinen Fussballerischen:

Weltmeister: Italien. In meinen Augen auf jeden Fall verdient, auch wenn Frankreich im Finale sicherlich ein bisschen stärker war. Natürlich gehört auch immer ein wenig Glück dazu, wie beim unberechtigten Elfmeter gegen die Australier. Und mit so einer fantastischen Abwehr, nur 2 Gegentore in den 7 Spielen, kann man nur weit kommen.
größte Überraschung: Ganz klar Deutschland. Natürlich hatte ich vor der WM auch eine blinde Hoffung auf ein kleines Wunder, aber der Verstand sagte was anderes. Wenn man sich jetzt anschaut, was diese Truppe für eine Steigerung zu den teils grausligen Testspielen gezeigt hat… Wahnsinn! Die sonst üblichen Überraschungen blieben ja leider aus, am ehesten ist hier noch der Achtelfinaleinzug von Ghana zu nennen. Die Elfenbeinküste scheiterte leider an der Auslosung, in einer anderen Vorrundengruppe wären sie sicher weitergekommen.
größte Enttäuschung: Da gab es einige. Auch wenn sich die Favoriten in der Vorrunde noch teilweise glücklich schadlos hielten, hat vor allem Holland durchgehend Schrott gespielt. Und gemessen an den Erwartungen war natürlich auch Brasilien ein Totalausfall. Wie so oft galt der Spruch, dass 11 geniale Spieler noch keine geniale Mannschaft ausmachen. Gut so, denn es war echt nötig, dass die mal auf den Boden der fussballerischen Tatsachen zurückgeholt werden.
schlechtestes Spiel: Schweiz-Ukraine. Meine Fresse, war das ein Krampf. Toschussverhältnis 0,5:0,5. Sogar das Elferschießen war eine Zumutung. Argentinien gegen Holland folgt mit Abstand auf Platz 2 in der Langeweiletabelle.
bestes Spiel: Deutschland-Argentinien war mit Sicherheit an Spannung kaum zu überbieten. Die Vereinsbrille abgesetzt war die Vorrundenpartie zwischen der Elfenbeinküste und Argentinien wohl aus fussballerischer Sicht das Highlight. Davon hätte man sich mehr erhofft, insgesamt war die WM dominiert vom vorsichtigen, taktischen Abwarten. Erstmal hinten schadlos bleiben, dann schauen, was nach vorne geht. Indiz dafür auch die Torarmut über das Turnier hinweg. Aber ich schweife ab… Ach ja, irgendwie war Portugal-Holland eigentlich auch ein bestes Spiel. Wenn auch in einer anderen Sportart.
beste Newcomer: Na klar: Prinz Poldi. Eigentlich war der gar nicht so dolle, aber von den jungen Spielern der Auffälligste. Auch wenn er in den letzten Spielen etwas glücklos war, hat er sich doch immer reingehängt bis zum Umfallen. Ansonsten hat mich noch Ribéry beeindruckt, aus dem könnte ein Großer werden.
größte Ausraster: Danke, Zidane. Du hast es im Finale noch geschafft, die peinlichen Fehltritte von de Rossi (Ellbogencheck gegen McBride), Rooney (Tritt in die Weichteile von Carvalho) und dem kollektiven Amoklauf von Argentinien nach dem Ausscheiden gegen Schland zu toppen. Dummheit hat einen neuen Namen. Und einen neuen Lexikoneintrag.
bester Spieler: Fabio Cannavaro. Schade, dass es ein Abwehrspieler ist, aber was der geleistet hat, habe ich selten gesehen. Genial im Zweikampf, immer dort wo es brennt und dazu noch souverän im Aufbauspiel. Das Ganze absolut fair, nicht einmal eine gelbe Karte hat er kassiert. Den Titel hatte ich eigentlich schon Zidane zugedacht, aber sorry, das hat er sich selbst verscherzt.

Machen wir weiter mit dem drumrum. Man wirft ja schnell mit Superlativen durch die Gegend, aber diese WM war nahe an der Perfektion. Ich glaube nicht, dass es in absehbarer Zeit etwas Ähnliches geben wird. „Die Welt zu Gast bei Freunden“, ein Motto, das ich am Anfang echt dämlich fand, hat sich zu einem Gefühl entwickelt. Alle Bedenken bezüglich der Sicherheit (Hools, Anschläge etc) haben sich schnell verflüchtigt, in den Stadien war trotz der Masse an VIP- und Sponsorenkarten sensationelle Stimmung, die Fanfeste und Fanmeilen wurden zu einer 4 Wochen durchgehenden Riesenparty, ganz Deutschland wurde von Nationalflaggen überdeckt (ein Nachbar hing sogar seine dänische raus) und alle, deutsche Deutsche, ausländische Deutsche, deutsche Ausländer und ausländische Ausländer tanzten, sangen, feierten, tranken, weinten, fluchten und litten zusammen (Schöne Anekdote nach dem Halbfinale: Deutsche Gesänge „Nie wieder Pizza! Wir essen nie wieder Pizza!“ wurden mit einem italienischen „Nie wieder Eintopf! Wir essen nie wieder Eintopf!“ und einem gemeinsamen Bier beantwortet.). Das alles wurde nur möglich durch eine (ja ich muss es sagen) perfekte deutsche Organisation, durch das Superwetter und natürlich das Zutun jedes Einzelnen, der sich als Gast oder Gastgeber an der Party beteiligte. Was mich an der WM störte, hab ich ja schon mal kundgetan. Ach ja, ein bisschen weniger Kommerz wär schön beim nächsten Mal, aber das ist wohl ein zu verwegener Wunsch.

Wenn ich mir das hier nochmal so durchlese: Das war schon geil. Und ich schließe mich bedingungslos der Mitbewohnerins rührenden Worten von gestern Abend an: „Ich könnt echt heulen, dass das schon vorbei ist!“

Nachtritt: Nach einer guten Nationalmannschaft braucht Deutschland jetzt nur noch gute Kommentatoren. Vielleicht wird der hier ja was.



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