Generation Praktikum = Ausbeutung?
13.09.2006, 11:31 von jovelstefanAuf das Thema Praktika bin ich im Podcast von RadioQ gestossen (nebenbei ein sehr interessantes Interview mit Indiskretionsblogger Thomas Knüwer ist auch dabei). Mit großen Erwartungen habe ich den Podcast eingeschaltet, da ich erhofft hatte, dass das Thema von einer kritischen Seite beleuchtet wird. Leider gibt es nur Tipps, warum man überhaupt Praktika machen sollte und wie man das richtige Praktikum findet.
Was mich viel mehr beschäftigt, wenn ich auch nicht selber betroffen bin: Werden Praktikanten nicht oft als günstige Arbeitskräfte ausgenutzt?
Warum gibt es eigentlich immer mehr Praktikanten? Sind die Studenten von heute noch engagierter als früher? Ich denke nicht. Heute macht man als Student ein Praktikum, weil man es muss und nicht weil man es will. Die typische Stellenanzeige sucht nach Absolventen mit überdurchschnittlichem Abschluss mit mehrjähriger praktischer Erfahrung. Am besten noch unter 25 Jahre alt. Logisch: Für alle anderen Stellen kann man ja Praktikanten einstellen. Die sind günstiger und können meist mehr als Festangestellte ohne entsprechende Ausbildung.
Inzwischen ist es Usus, den Praktikanten nur noch eine minimale Aufwandsentschädung zu zahlen. Wenn überhaupt. Was bleibt einem als Student eigentlich übrig, als Praktika zu machen? Wer bekommt denn heute noch einen Job ohne midestens zweiseitigen, praktikumsgefüllten Lebenslauf? Im Podcast kann man hören, dass die Zahl der Praktikanten, die arbeitssuchend sind, zwischen 99 und 2004 sich mehr als verdoppelt hat. Die Absolventen würden von Praktikum zu Praktikum “tingeln”. Und genau das ist das Problem. Gerade in Branchen, wo sehr stark projektgetrieben gearbeitet wird und eine gewisse Unsicherheit bzgl. der Geschäftsentwicklung herrscht (Marketing, IT, Medien…), ist es für die Unternehmen einfacher, mal eben für ein paar Monate einen billigen Praktikanten einzustellen, als sich einen Angestellten ans Bein zu binden. Der vielleicht später auch nicht mehr gebraucht wird.
Und es ist ein Teufelskreis: Immer mehr Studenten und Absolventen sind bereit, für lächerliche Entlohnung ein Praktikum anzutreten, da Sie ohne dieses keine Chance auf einen festen Job haben. Von der schwer erklärbaren Lücke im Lebenslauf ganz zu schweigen. Und durch dieses Überangebot an hochqualifizierten Praktikumswilligen haben die Unternehmen eine hervorragende Position. Ich glaube sogar, dass inzwischen viele Geschäftsmodelle nur deshalb funktionieren, weil die Personalkosten durch viele Praktikanten klein gehalten werden.
Was also tun? In Frankreich gab es ja große Proteste zum Thema und es hat sich auch etwas bewegt. Eine ähnliche Protestkultur ist in Deutschland aber nicht vorhanden, mir fehlt die Hoffnung, dass sich in dieser Richtung kurzfristig etwas ändern sollte. Also muss man auf die Politik hoffen (leider). Und anscheinend kommt das Thema dort auch langsam an. Franz Müntefering sagte letzte Woche in der Haushaltsdebatte u.a.:
Ich sehe mit großer Sorge – das wird zurzeit recherchiert -, dass eine Art Praktikamethode um sich greift, die nicht toleriert werden kann. Darum müssen wir uns kümmern.
Praktika im klassischen Sinne des Wortes sind sinnvoll, wenn junge Menschen für kurze Zeit die Chance haben, sich in einen Beruf hineinzulernen und hineinzudenken. Wenn aber manche Unternehmen – längst nicht alle, Gott sei Dank! -, diese Möglichkeit nutzen, um Vollzeitarbeit, die es bei ihnen gibt, von Menschen erledigen zu lassen, die man Hospitanten, Volontäre oder Praktikanten nennt, und ihnen kein Geld dafür gibt, dann ist das nicht in Ordnung. Das müssen wir nötigenfalls noch etwas nachdrücklicher erklären, als es bisher in unseren Gesetzen steht. (…) Unternehmen, die Arbeit haben, sollen die Leute einstellen, ihnen Geld bezahlen – einen ordentlichen Lohn geben – und sollen sie nicht missbrauchen auf so genannten Praktikaplätzen.
Das lässt zumindest schonmal hoffen. Beim Verein fairwork e.V. (eine Interessenvertretung von Hochschulabsolventen) findet man eine Menge interessanter und aktueller Informationen zu diesem Thema. In Österreich besteht anscheinend ein ähnliches Problem, welches auf generation-praktikum.at diskutiert wird. Die Forderungen an Politik und Wirtschaft lauten hier:
- Mindestlohn für PraktikantInnen
- Zeitliche Beschränkung des Praktikums
- Keine Besetzung verdeckter Vollzeitstellen
- Ausbildungsbezogene Tätigkeiten im Praktikum während des Studiums
- Keine Praktika Stellen für fertig ausgebildete AkademikerInnen
- Keine Versprechungen und falschen Hoffnungen seitens der Unternehmen in Bezug auf eine mögliche Anstellung nach Praktikumsende
- Anrechnung der Praktika Zeiten für die Versicherungsjahre
Die Forderungen machen die Missstände sehr anschaulich. Als kurzfristiges Ziel sollte eine Diskussion zu dem Thema in der Öffentlichkeit verstärkt angeregt werden, damit auch “Unbeteiligte” einen Eindruck von der schwierigen Lage von Studenten und Absolventen bekommen.
Und wie immer gilt für die Politik: Es muss was passieren, egal was!
Update (14.09., 10:18h): Anscheinend hat die Tagesschau-Redaktion meinen Artikel gelesen ;) Gestern Nachmittag noch ein aktueller Beitrag auf tagesschau.de.









