Was ist eigentlich Masematte?

13.05.2007, 18:44 von bosch

Jovel, jovel, jovel. Ich lese hier immer nur jovel. Und manchmal auch schofel, Hegel, Bunke und andere komische Wörter. Ich weiß nicht, was soll das bedeuten. Da der Hausherr es meiner Erkenntnis nach bislang versäumt hat, dem Nichtmünsteraner in diesen speziellen Code einzuweihen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, dieses hier kurz nachzuholen.

Der Münsteraner fährt gewöhnlich mit der Leeze zur Maloche, wenn er spät dran ist, tut er dies sogar tacko. Dort angekommen, schickert er erstmal einen Schokelamai und beißt in die Kille. Wer dies allerdings den ganzen Tag tut, hat oft wenig zu schmergeln. Man gilt dann als Laumalocher und bekommt Rochus mit seinem Obermacker.

Alle anderen fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Wer spät dran ist, tut dies sogar schnell. Dort angekommen, trinkt man erstmal einen Kaffee und beißt in sein Butterbrot. Wer dies allerdings den ganzen Tag tut, hat oft wenig zu lachen. Man gilt dann als schlechter Arbeiter und bekommt Ärger mit seinem Chef.

Was dort oben zu lesen war, ist die Masematte, ein regionaler westfälischer Dialekt des Rotwelschen, der seit 1870 quellenmäßig belegt ist und in einigen Elendsvierteln von Münster durch Sprachkontakt einheimischer Bevölkerung mit zugezogenen Nichtseßhaften, Hausierern und ambulanten Gewerbetreibenden entstand. Die Bezeichnung Masematte leitet sich aus dem Jiddischen masso umattan oder masa ‚umatán her, das „Geschäft“, „Handel“ bedeutet. Im Rotwelschen hat masematten auch die Bedeutung „Einbruch, Einbruchdiebstahl“.

Die Zerstörung der geschlossenen Viertel, in denen Masematte gesprochen wurde, und die Vernichtung und Verschleppung der Juden, der Sinti und Roma führten während der Zeit des Nationalsozialismus und des II. Weltkriegs dazu, dass Masematte ihre soziale und örtlich gebundene Grundlage verlor. Bis in die 1960er Jahre hielt sie sich noch in begrenzten Kreisen, etwa unter Bauarbeitern, als lebendige, gesprochene Sprache. Seit dem Ende des II. Weltkriegs veränderte die Sprache ihren Charakter auch insofern, als sie eine „Folklorisierung“ durchmachte. Seither gilt es in Teilen der Münsteraner Bevölkerung als „chic“, sich gelegentlich einiger überlieferter Masematte-Ausdrücke zu bedienen. Die Wörter jovel ( = „gut“, „prima“), schofel ( = „mies“, „schlecht“) und leeze ( = „Fahrrad“) wurden zum umgangssprachlichen Allgemeingut, an dem sich die Münsteraner überall in der Welt erkennen.

Jetzt wissen wir auch, warum dieses Blog und sein Betreiber jovel und nicht schofel sind.

Quellen und weiterführende Links:

Obacht KleinKursivgedrucktes: Dies ist ein Gastbeitrag von bosch im Rahmen der Urlaubsvertretung.



5 Kommentare

  1. Pingback von Bier « metabosch | 22.07.2007 17:02

    […] Münsteraner Högi und Wille in ihrem Blog Flaschenöffner. Seit Dezember 2006 haben die findigen masemattesprechenden Herren 157 verschiedene Arten an das kühle Blonde zu kommen in kurzen Videobeiträge dokumentiert. […]

  2. Pingback von pop64.de | Hamburg vs. Berlin Blog (geentert) » Ich bin jetzt auch hier. | 06.09.2007 22:46

    […] kennt und sich jetzt fragt: “Was soll denn jovel bedeuten?”, der sollte einfach mal im jovelblog nachlesen. Das ist nämlich Masematte und Masematte ist […]

  3. Pingback von Hamburger zum Mittag » HZM #029 - offiziell drei im Knuth über Namen | 19.08.2008 22:35

    […] Warum heißt jovelstefan jovelstefan? 12:20 Der Thron, sogar ein Stuhl bei IKEA 13:40 jovel ist Masematte 15:55 schofel, Leeze, kurantes Animchen, poofen, Poofe, leuern, Flemmer vonne Zoomen 17:15 […]

  1. Sonja | 13.05.2007 21:24

    Toller Beitrag. Ich bin hellauf begeistert.

  2. svensonsan | 14.05.2007 10:01

    Wunderbar.

    Hier lerne ich noch etwas, vielen Dank.