Wiederkehrende Bilder

20.11.2008, 01:12 von jovelstefan

Am Freitag Abend war ich in der U-Bahn unterwegs, U2 zum Schlump. Dort angekommen gingen die Türen auf, bevor ich aussteigen konnte, hörte ich einen dumpfen Knall an der anderen Tür im Wagen. Ein übergewichtiger Mann lag flach am Boden, bewegte sich kaum noch und Blut lief ihm aus dem Mund. Dabei kamen sofort die Erinnerungen an Bilder wieder hoch, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Es ist schon einige Jahre her, es müsste 2003 gewesen sein. Ich war mit dem Fahrrad in Münster unterwegs, fuhr auf dem Radweg über eine Kreuzung und die dahinterliegende Straße entlang. Plötzlich ein Klirren von zerbrechenden Flaschen, ein lauter Schrei, ich schaue über die Straße und sehe ca. 30 Meter links vor mir auf der anderen Straßenseite einen menschlichen Körper unter einem Betonmischer verschwinden. Ich springe vom Rad, werfe dieses zur Seite und renne ohne Nachzudenken über die Straße, wild winkend, damit der Fahrer des Mischers anhält. Ich sprinte um die Fahrerkabine auf die andere Seite des LKW und bin der erste, der an dieser Stelle ankommt, sehe vor mir den Mann, der Körper unter dem Fahrzeug auf dem Rücken liegend, das linke Bein unter dem rechten Vorderrad des tonnenschweren LKW. Er schreit nicht, er sagt nichts, er guckt nur. Der Fahrer des Wagens steigt aus, ich brülle ihn an, er soll wieder einsteigen und einen halben Meter nach vorne fahren! Er hat noch nichts gesehen.

Der Mann, vielleicht etwa 75 Jahre alt, hatte die Straße überqueren wollen, allerdings nicht an der Ampel an der Kreuzung, sondern etwa 40 Meter davor, zwischen den auf die grüne Ampel wartenden Autos hindurch. In seiner Hand hielt er eine Plastiktüte mit leeren Flaschen, die er wohl zum Supermarkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite bringen wollte. Als er direkt vor dem Betonmischer herlief, setzte sich dieser in Bewegung, die Ampel war inzwischen umgesprungen, der Fahrer konnte den älteren Mann direkt vor seinem Fahrzeug aus seinem hohen Führerhaus nicht sehen und war ganz normal angefahren, so wie er es bestimmt schon tausend Mal gemacht hat.

Der Fahrer, nachdem er den Betonmischer ein Stück nach vorne gesetzt hatte, kam wieder herangelaufen und fing beim Blick unter seinen Betonmischer an zu jammern, zittern, weinen, stammelte irgendwas. Ich hockte vor dem auf der Straße liegenden Alten und er schaute mich fassungslos an, schaute an sich herab und sah seine vom Vorderrad überrollte, blutverschmierten Beine, die abgenutzte Cordhose verbarg einen noch schlimmeren Anblick auf deformiertes, zerquetschtes Fleisch. Der Mann stotterte irgendetwas zu mir, ich redete auf ihn ein, wollte ihn sicher beruhigen, Hilfe ist schon unterwegs, sowas oder ähnliches muss ich wohl gesagt haben. Er hielt mir seine Hand hin als sollte ich ihm aufhelfen, auch die Hand war unter das Rad geraten, Fleischfetzen, Blut, einzelne Finger nicht zuerkennen. Sein Blick war ein Wechsel zwischen Flehen und Entsetzen, immer im Wechsel, wenn er mich und dann wieder seine Hand anschaute. „Meine Hand, meine Hand! Meine Hand!“ Was da mit seinen Beinen passiert war, hat er wohl glücklicherweise nicht mehr so richtig realisieren können.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so bei ihm gekniet und auf ihn eingeredet habe, es könnten 30 Sekunden oder 30 Minuten gewesen sein. Bleiben Sie ganz ruhig liegen, es kommt gleich jemand, der Ihnen helfen kann. Irgendwann kam jemand, der – wie im Film – „Ich bin Arzt!“ sagte und mich wegschickte, ich schaute mich um, es standen viele Leute auf dem Bürgersteig, Hand vor dem Mund, Augen in den Tränen, Handy am Ohr, alles dabei. Dann ein Polizeiwagen nach dem anderen, am Ende waren es wohl fünf oder sechs, ein Notarzt, zwei Rettungswagen, Blaulicht überall, viel habe ich dann nicht mehr mitbekommen oder kann mich nicht mehr richtig erinnern. Ich habe wohl mit der Polizei gesprochen, der LKW-Fahrer saß an einer Hauswand, hatte einen Tropf im Arm und ein Sanitäter hockte bei ihm, das ist alles, was ich noch im Kopf habe.

Später habe ich erfahren, dass der alte Mann den Tag nicht mehr überlebt hat.

Ich weiß nicht mehr, was sonst alles noch an diesem Tag passiert ist, ich weiß nicht viel vom drumherum, aber dieses Bild des alten Mannes auf dem Asphalt unter dem Lastwagen, wie er mich anschaut, seine Verletzungen, die zermatschten Beine, das viele Blut, die zerquetschte Hand, dieses Bild ist in meinem Kopf so festgebrannt wie kaum ein anderes aus meinem Leben. Es kommt inzwischen nicht mehr ganz so oft zurück und trotzdem immer wieder. Wenn ich Bremsen quietschen höre. Wenn ich Flaschen zerbrechen höre. Wenn ich einen Betonmischer sehe. Wenn ich an der Unfallstelle vorbeifahre. Wenn ich in der Zeitung lese, dass jemand von einem Auto erfasst wurde. Wenn jemand blutend auf dem Boden liegt, wie an diesem Freitag.

Der Mann in der U-Bahn war übrigens einfach nur völlig betrunken, gestürzt und hatte sich die Lippe heftig aufgeschlagen. Wir haben ihn auf den Bahnsteig geschleppt und Sanitäter haben sich dann um ihn gekümmert. Er kannte uns alle aus dem Fernsehen, hat er gesagt.



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