Mein Hamburg Marathon 2009

30.04.2009, 21:40 von jovelstefan

5 Stunden, 5 Minuten, 1 Sekunde. Was könnte man in dieser Zeit alles machen? Was Nettes bloggen, einkaufen gehen, einige Bierchen am Elbstrand trinken, eine Kartenpyramide bis unter die Decke bauen. Hab ich alles nicht gemacht. Stattdessen bin ich diese lange Zeit einfach nur gelaufen. 42,195 Kilometer weit. „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt!“ stand auf einem großen Plakat kurz vor dem Ziel des Hamburg Marathons dieses Jahr. Es stimmt, der Schmerz ist inzwischen fast weg, der Stolz ist immer noch da, sogar ein bisschen größer als direkt nach dem Lauf.

Die Zeit ist nicht so toll, aber das spielt keine Rolle. Ich bin durchgekommen. Ich hatte das Schlimmste erwartet und das Schlimmste ist eingetroffen. Es ist erstaunlich wie sehr man sich doch selbst quälen kann. Die Chronologie:

9:00 Uhr – Der Startschuß fällt am Ende der Reeperbahn. Eigentlich kein Schuß, sondern traditionell eine  Schiffsglocke. Ist ja auch Waffenverbot auf dem Kiez. Ich stehe ganz hinten, im Startblock „N“. „N“euling eben. Erstmal passiert gar nichts, dann fängt der Pulk langsam an, die 400 Meter Richtung Startlinie zu gehen.

9:09 Uhr – Inzwischen bin ich langsam angelaufen und trete über die rote Matte der Startlinie, auf der meine persönliche Startzeit über den Zeitchip an meinem rechten Schuh gemessen wird. Es geht los, ich bin aufgeregt. Die Reeperbahn ist voll mit Leuten, die klatschen, tröten, pfeifen, jubeln, schreien. Gänsehaut.

9:30 Uhr – Die erste Verpflegungsstation nach 2,5km. Ich habe noch keinen Durst und überlege, ob ich mich aus dem Gedränge komplett raushalte. Aber ich wurde gewarnt, dass man an jeder Station mindestens einen Becher trinken sollte, da sich das sonst später böse rächt. Wenn man Durst bekommt, ist es angeblich schon zu spät. Also trinke ich.

9:45 Uhr – Ottensen, Elbchaussee. Ich laufe locker und fühle mich gut. Viele überholen mich, ich habe das Gefühl, dass ich zu langsam bin, aber ich zwinge mich, mein ruhiges Tempo zu laufen. Es ist noch ein langer Weg. Die Zuschauer sind der Wahnsinn. Angeblich sind es 850.000, über die Strecke verteilt. Viele haben Plakate für ihren Liebsten gemalt, Musik schallt aus Fenstern und von den Balkonen, Blasorchester geben alles. Die Kinder halten einem die Hände zum Abklatschen hin. Fantastische Motivation, immer wieder Gänsehaut zwischendurch.

10:13 Uhr – Der Fischmarkt ist passiert, die 10km-Marke überschritten. An der aufgestellten Uhr sehe ich, dass ich eigentlich sogar ein bisschen zu schnell bin. Ich fühle mich immer noch total fit, es läuft. So viele Leute, das gibt es doch gar nicht.

10:20 Uhr – „Lauf, Stefan, lauf!“ Das gibt es doch nicht! Mein Vater steht am Straßenrand, hält ein Plakat hoch. Er ist extra aus Münster gekommen, hatte mir vorher nichts davon gesagt. Ich freu mich und stolpere fast. Scheiße, jetzt muss ich auch wirklich durchhalten, die Blöße kann ich mir nicht geben. Ein Blick zum Himmel, es ist etwas zugezogen und ich hoffe, dass es so bleibt. Direkte Sonne wäre der Tod. So geht’s.

10:40 Uhr – Es geht durch den Walltortunnel am Bahnhof. Ich werde von einer Sebamed-Flasche überholt. Im Tunnel ist die Stimmung plötzlich ganz anders, etwas gespenstisch, keine Zuschauer, nur noch ich und die anderen Läufer. Weiter vorne wird eine La-Ola-Well gestartet, die nach hinten über die Läufer durch den Tunnel rollt. Wieder Gänsehaut.

10:50 Uhr – Der Jungfernstieg. Wo kommen die ganzen Leute nur her? Wieder eine Kapelle, inzwischen wurden auch ein Jazzquintett und andere Musikgruppen passiert. Immer noch läuft es rund, aber die Sonne kommt raus. Mehr trinken.

11:10 Uhr – An der Außenalster entlang, mir wird zum ersten Mal bewusst, dass die Strecke fantastisch ist. Viel am Wasser entlang, überall grün. Auf dem Gehweg haben sich 6 ca. 80jährige Damen mit Meißnerporzellan, Kaffee und Kuchen in großen Sesseln bequem gemacht und klatschen (doppeldeutig gemeint). Kurz vor Kilometer 19 komme ich an einem Lautsprecherturm vorbei, der die vorbeikommenden Läufer mit Name und Heimatstadt vorstellt. Und gerade verkündet, dass der Sieger soeben die Ziellinie überlaufen hat. Kopfschütteln und Staunen bei Läufern und Zuschauern. Ich habe schon Motivierenderes erlebt.

11:25 Uhr – HALBZEIT! Bis hierhin alles im grünen Bereich. Ich fühle mich immer noch ganz gut, das Tempo passt eigentlich, keine wunden Stellen, Blasen oder sonstige unerwartete Hindernisse. Die Sonne wird allerdings immer kräftiger. Ein Stückchen weiter sehe ich schon wieder meinen Dad mit seinem Plakat. Der fährt tatsächlich mit um die Strecke. Beim Näherkommen sehe ich dann auch noch meine Schwester mit ihrem Freund. Auch unangekündigt. Die sind verrückt.

11:45 Uhr – Ich muss mal. Die vereinzelt an der Strecke aufgestellten Dixis sind allerdings durchgehend besetzt und mit Warteschlange. Ich mache es also wie fast alle anderen.

12:10 Uhr – Ich merke, dass mir die 2,5 km von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation so langsam irgendwie immer länger vorkommen. Bei 27,5km mache ich es wie viele andere und gehe ein Stück, nachdem ich mir die Plastikbecher und Bananenstücke geschnappt habe, um in Ruhe trinken zu können und nicht die Hälfte zu verschütten oder in die Nase zu kippen. Nach der letzten Station hatte ich Anflüge von Seitenstichen, weil ich zu hektisch getrunken habe und meinen Atemrhythmus verloren habe. Ich halte mich kurz an einem Auto fest, um die Beine ein wenig locker zu schütteln und kurz durchzudehnen. Hilft enorm. Neben mir kotzt eine junge Frau das gerade Getrunkene weider aus.

12:30 Uhr – Die Sonne knallt wie hulle, die 30km-Marke mit Verpflegung kommt zu spät. „Jetzt geht es also los“, denke ich, bei km 30, so wie es alle immer sagen. Meine rechte Wade zieht ein bisschen und ist schon ziemlich hart. 30 Kilometer habe ich auch im Training schon gemacht, alles was jetzt kommt, ist weiter als ich je gelaufen bin. Viele Mitläufer gehen inzwischen schon, ich laufe langsam weiter. 12 Kilometer Gehen ist ja auch keine Lösung. Viel trinken, nochmal Bananen reinstopfen, dann wird es schon wieder gehen.

12:50 Uhr – Es ist unfassbar, wie lang plötzlich die Kilometer sind. Man läuft und läuft und denkt, man hätte eine Kilometermarkierung verpasst, es müsste eigentlich schon der nächste rum sein, da kommt das Schild mit der frustrierenden, nackten Wahrheit. 32km. Wie lange hab ich für die letzten 2 km gebraucht? Eine Stunde? Meine Wade ist knallhart. Rein konditionell habe ich kein Problem, ich habe Luft und mein Puls ist niedrig. Aber die Muskulatur wird der Knackpunkt. Die Beine sind plötzlich so schwer. Nach der 32,5km-Verpflegung kommt eine Massagestation. Ich entscheide mich, meine Wade einmal durchkneten zu lassen. Auch wenn ich dadurch 10 Minuten verliere. Bevor ich bis zur nächsten Station nicht mehr durchkomme, weil die Krämpfe kommen, lieber jetzt vorbeugen.

13:15 Uhr – Die Massage war Gold wert, die letzten 2 Kilometer gingen wieder ein bisschen besser. Aber ich habe Durst, obwohl ich so viel getrunken habe, wie es ging. Die Sonne macht mich fertig, kommt von vorne, der Kopf fängt an zu glühen. Die Alsterkrugchaussee ist lang, immer geradeaus. Die Beine sagen mir alle paar Meter, dass sie eigentlich jetzt nicht mehr wollen. Der Kopf antwortet alle paar Meter „Haltet die Klappe und macht hinne!“. Am Rand liegen immer wieder Läufer rum, die von Helfern betreut werden. Teilweise in Alufolie gehüllt. Immer wieder Kotzende. Ungefähr die Hälfte läuft nicht mehr und geht. Ich will nicht gehen. Noch 8 Kilometer, nur noch einmal um die Alster sozusagen. Irgendwer sagt, sobald man auf der Rothenbaumchaussee ist, wird man zum Ziel gesogen. Hoffentlich hat er Recht.

13:35 Uhr – Klosterstern, Kilometer 38. Ich bin fix und alle, ich kann nicht mehr. Der Punkt ist gekommen, der Mann mit dem Hammer, der Schweinehund beißt mir in Waden und Oberschenkel. Der Kopf denkt nicht mehr, Tunnelblick, ich nehme die Zuschauer kaum noch wahr. Aber es sind doch nur noch 4 Kilometer, das muss doch noch gehen. Ich schleppe mich nur noch herum. Orientierungspunkte suchen, immer wieder ein Ziel setzen. Der nächste Baum, die nächste Ampel, die nächste Straßenecke. Warum tue ich mir das an? Nichts saugt mich zum Ziel.

13:50 Uhr – Kurz vor Kilometer 40 die nächste Verpflegung. Ich nehme mir vier Becher mit, zweimal Wasser, zweimal Powerade. Ich kann im Laufen nicht mehr trinken, muss wieder gehen. Die Becher sind leer, aber ein Stückchen gehe ich noch. Ein drittes Mal komme ich an meiner Familie vorbei, sie sehen, dass ich am Ende bin, aber ich rufe Ihnen zu, dass ich es packe. Ein Stückchen weiter sehe ich den Dammtorbahnhof und laufe wieder an. Es tut höllisch weh, aber ich weiß jetzt, dass ich irgendwie durchkomme. Irgendwie.

14:00 Uhr – Diese Straße ist dreimal so lang wie sonst. Es geht leicht bergan. Was für ein verficktes Arschloch hat sich diese Steigung kurz vor dem Ziel ausgedacht? Ich besteige den Mount Everest.

14:12 Uhr – Einbiegen auf die Zielgerade, kurz zuvor noch einmal den letzten Motivationsschub von Freundin und ihren Freundinnen bekommen. Jetzt geht alles wie von selbst. Ich sehe das Ziel, den weißen Bogen über der Straße und werde sogar ein bisschen schneller. Scheiße, das ist nicht das Ziel. Das ist eine bescheuerte Fußgängerbrücke. Das Ziel ist 200m dahinter. Egal, gleich da. Ein letzter Adrenalinstoß, die letzten Reserven, die eigentlich schon verbraucht sind. Ich lächle, bekomme Gänsehaut.

14:14 Uhr – 10 Meter vor der Ziellinie reiße ich schon meine Fäuste hoch. Ich bin durch! Ich hab es wirklich geschafft! Ich bin einen Marathon gelaufen! Das nimmt mir keiner mehr! Der Schmerz ist unglaublich schlimm. Aber der Stolz bleibt ja.

jovelstefan_marathon

Videos gibt’s auch.



8 Kommentare

  1. dschlingel | 30.04.2009 21:55

    Echt Klasse .. ich laufe immer umme Alster .. da dann auch entspannter ;-)

  2. bosch | 30.04.2009 23:16

    Herzlichen Glückwunsch! Ich bin stolz auf Dich. Das mit Raucherlunge zu schaffen, das ist die wahre Leistung.

  3. Marc Bastian | 30.04.2009 23:25

    Herzlichen Glückwunsch! Dein Erlebnisbericht hat mich sehr angerührt.
    Gruß Marc

  4. MatzeLoCal | 01.05.2009 04:12

    Beide Daumen ganz hoch!

  5. Sven | 03.05.2009 23:13

    Gratuliere. Geht doch!

    Schöner Artikel. Warum kotzen die alle?

  6. jovelstefan | 04.05.2009 00:42

    Der Spaß geht gerne mal auf den Magen. Vor allem, wenn man sich diese Kohlenhydrat-Gel-Tütchen reinpfeift.

  7. Nadine {www.gimgu.de} | 25.05.2009 15:17

    Wow, Respekt.
    Laufe schon seit 3 Jahren, hab mich aber bisher noch nicht an einen Marathon rangetraut…

  8. alpe | 24.06.2009 12:53

    Glückwunsch und Respekt!

    Die Wirtschaftsinformatik-WMA Deiner Alma Mater stehen hinter Dir (zumindest die, die Dein Blog kennen – also ich ;-).

    Saubere Leistung!